
Ein jungen Mann, nennen wir ihn Kuba, ist gerade mit einem Leihrad der Stadt Warschau auf dem Weg zu einer großen Mall, während ein anderer, nennen wir ihn Paweł, mit seiner Freundin eine Rennradtour macht. Kuba ist ein kleiner aber muskulöser Mann mit Kurzhaarfrisur, Goldkette und einer ins Rot gehenden Bräune im Nackenbereich. Paweł dagegen hat langes wellendes Haar, das aus seinem sportlich geschnittenen Helm hervorlugt. Seine Gesichtszüge sind im Gegensatz zu denen Kubas fein. Auf seiner Haut glänzt schlecht verriebene Sonnencreme. Die hautenge Rennradbekleidung lässt auf einen athletischen Körperbau schließen. Kurz vor der Abbiegung zur Mall schneidet Paweł Kuba, sodass dieser bremsen muss, und rast an ihm vorbei. Vermutlich würden die meisten Menschen dem Rasenden einen fluchenden Spruch hinterherrufen und es dabei belassen, aber nicht so Kuba. Wie von eine Tarantel gestochen tritt er fluchend in die Pedale des schweren Leihrads, so dass die schwerfällige Achse krächzt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich verwundert war, wie viel Energie dieser kleine Typ plötzlich seinem schwerfälligen Leihrad verleiht. Noch vor der nächsten Ampel gelingt es Kuba den rasenden Paweł einzuholen. Kuba drängt Paweł an den Straßenrand und zwingt ihn zum Stoppen. Dieser reagiert verunsichert und schafft es nur mit Mühe aus seinen Klickpedalen heraus, bevor Kuba schon ihn am Arm festhaltend drohend kleine Kreisbewegungen mit seiner geballten Faust macht. Ich weiß nicht mehr, was der wütende Kuba dem erschrockenen Paweł an den Kopf warf, aber klar war für mich, dass er sich provoziert fühlte. Und zwar nicht allein von Pawełs schnittigem Fahrstil, sondern von seinem ganzen Lebenswandel, der sich verräterisch in seinem Kleidungsstil wie seinem hochpreisiges Rennrad zeigt. Vermutlich sagte er sowas wie “Bist du bescheuert mich so zu schneiden?”, tatsächlich meinte er aber: “Wie konntest du so an mit vorbeiziehen!”
Jetzt könnte man die ganze Affäre als typisches Großstadtgerangel abtun, als ich die Szene beobachte, musste ich aber an ein Interview des PIS-Politikers Witold Waszczykowski mit der Bild-Zeitung vor 10 Jahren denken. Waszczykowski wettert hier gegen Radfahrer und Vegetarier, die als “neue Modeerscheinung” traditionelle polnische Werte bedrohten. Ich fand diese Behauptung damals absurd und fragte mich vermutlich wie viele: Was hat dieser Mensch gegen Fahrradfahrer und Vegetarier? Heute frage ich mich, ob es dem Politiker gar nicht so sehr um Fahrradfahrern und vegetarische Ernährung geht, sondern vielleicht einen Lebensstil, für den Paweł exemplarisch steht. Denn genau so Menschen wie Paweł, die im kapitalistischen Polen erfolgreich sind, bringen mit neuen Hobbys wie Rennradfahrern nicht nur einen neuen Gestus auf die polnischen Straßen, sondern distanzieren sich mit der Teilhabe an globalen Trends auch ganz bewusst von der mahnenden Vätergeneration eines Waszczykowski.
Vermutlich stoßen hier Lebensentwürfe aufeinander, was in diesem Fall zum Glück nicht blutig endete. Der eine orientiert sich vor allem an individualistischer Selbstentfaltung und dem, was in anderen europäischen Großstädten en vogue ist. Der andere stärker an Gemeinschaftsgefühlen und vagen Vorstellungen von dem was Polensein ausgemacht habe, bevor Kommunismus und Kapitalismus über das Land einbrachen. Vor allem für letztere Gruppe ist das Ausscheren von einzelnen ein Problem, da ihre Identität sich an kollektiven Vorstellungen orientiert. Das funktioniert nur, wenn sich alle einer Meinung sind, oder zumindest die Meinung vertreten, dass alle in Bezug auf identitäre Fragen einer Meinung sein sollten. Was kümmert es einen Kuba, wenn andere Warschauer das Rennradhobby für sich entdeckt haben, was einen Waszczykowski, wenn manche Polen sich dazu entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen? Leider viel, da dort, wo Gemeinschaft höher bewertet wird als individuelle Lebensentwürfe, Divergenzen im Verhalten einzelner schnell als Verrat an allen gewertet wird. Verhalte dich so, wie es sich für einen echten Polen gehört, hätte Kuba Paweł auch entgegenwerfen können. Damit gemeint ist nicht ein umsichtiger Fahrstil, sondern die Orientierung an der Gemeinschaft, auch in puncto Geschwindigkeit. Wenn alle die städtischen Leihräder benutzen, dann hat auch ein Paweł diese zu benutzen und sich hinten anzustellen, auch wenn er ein viel schnelleres Fahrrad fährt.



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