Wer sich mit der Literaturepoche des Sozialisitschen Realismus auseinandersetzt kommt nicht um den Begriff der Lakirovka herum. Der Begriff bedeutet übersetzt so viel wie “Lackierung” und verweist auf den nicht zu übersehenden Sachverhalt, dass Literatur in dieser Zeit auffällig beschönigend vom Alltagsleben der Menschen berichtete. Böse Zungen würden behaupten, dass hier eine Scheinwelt konstruiert wurde, um die Menschen in dem naiven Glauben zu lassen, dass die sowjetische Herrschaft von einem Erfolg zum nächsten schreitet, während real der sowjetische Mensch darben musste und die versprochenen Früchte seiner Arbeit nie erhielt.
Aber lassen wir das. Tatsächlich beschreibt die Lakirovka ein Phänomen, dessen Wurzeln viel weiter zurückliegen. Es kann als Symptom eines unter permanentem Modernisierungsdruck stehenden Staates verstanden werden, dessen Institutionen zunehmend mit Inszenierung statt Reformen reagieren. Ist es ein genuin russisches Phänomen? Bevor man mich des Kulturchauvinismus beschuldigt: natürlich nicht! Es taucht überall da auf, wo Menschen sich vergleichen und bemerken, dass der aufzuholende Rückstand mit lauteren Mitteln nicht so einfach aufzuholen ist. Es ist eine kulturelle Technik, die, hat sie sich erst einmal etabliert, ihre Eigendynamik entwickelt und die Selbst- wie Außendarstellung eine Gesellschaft zunehmend prägen kann.
In der russischen Geschichte finden wir zahlreiche solche Miniaturen. Man könnte bis zu dem Einfall der Polen im 17. Jahrhundert zurückgehen, der im kollektiven Gedächtnis der Russen das Gefühl auslöste, dass es unüberwindbare Defizite gegenüber dem Westen gebe. So weit möchte ich aber nicht zurückgehen. Fangen wir lieber mit einem plastischeren Beispiel an, nämlich als ein russischer Herrscher zum ersten (und nicht letzten) Mal in die westlichen Gesellschaften reiste, um eine Vorform der Industriespionage zu betreiben. Die Rede ist natürlich von Peter dem Großen. Bekanntlich reiste er unter verdecktem Namen in die Niederlande, erlernte dort das Handwerk des Schiffbaus, begeisterte sich für die nautische Expertise dieser kleinen Nordseekultur und befahl nach seiner Rückkehr den russischen Schiffbauern ähnliche Meisterwerke zu vollbringen. Wie aber sollten die armen Schiffbauer den Rückstand ihrer eigenen Produktionsweise überwinden und den Befehlen ihres Herrschers folgen, wenn ihnen doch sowohl Mittel wie auch Wissen dazu fehlten? Die Antwort: Man nimmt eine alte Schaluppe und frisiert sie mit frisch lackierten Holzattrappen, bis sie im Hafen schön aussieht, für die Schiffahrt aber gänzlich ungeeignet ist.
Okay, zugegeben, die Geschichte war frei erfunden, könnte sich aber so abgespielt haben. Eine andere Geschichte ist vielleicht auch nicht wahr, aber anekdotisch überliefert und auch in Deutschland geläufig. Die Rede ist von den sprichwörtlichen Potemkinschen Dörfern. Ich kriege die Geschichte nicht mehr genau zusammen, aber es geht hier wieder um das gleiche Phänomen, das später als Lakirovka bezeichnet wurde. Ein armer russischer Fürst, er heißt natürlich Potjomkin, hatte den Auftrag der Zarin, diesmal ist es Katharina die Große (oh weh eine Deutsche, die wird natürlich besonders gründlich prüfen) ein Dorf zu erneuern. Da ihm weder Mittel noch Arbeitskräfte zur Verfügung standen, gab er den Auftrag Attrappen zu erstellen, wie sie heute vielleicht noch in Hollywood stehen und an die große Westernzeit im Film erinnern. Seitdem stehen die Potemkinschen Dörfer für Schein statt Sein, für Vorzeigbarkeit statt echte Kontrolle und eine besonders sichtbare Form der Inszenierung.
Aber solche Geschichten, sofern man sie aus den eigenen, gerade aus den deutschen Kreisen hört, sind mit Vorsicht zu genießen, da sie eine Form des Otherings darstellen, die Überlegenheitsnarrative bestärken, die weit über den anekdotischen Charakter hinaus unsere Sicht auf Russland prägen und westliche Überlegenheitsnarrative stabilisieren. Bevor wir uns im postkolonialen Denken verlieren, lieber ein weiteres Beispiel, dieses Mal bezeugt aus russischen Quellen.
Gehen wir zurück in den Sommer 1929, als das noch relativ junge Sowjetregime ein Imageproblem hatte. In der französischen Presse ist ein schonungsloser Bericht über das neu entstandene GULAG-System entstanden und die neuen Herrscher im Kreml befürchteten, die Unterstützung vieler linker westlicher Sympathisanten zu verlieren, wenn sie nicht dieser Darstellung etwas entgegenstellten. Neben perfiden Propagandafilmen, die die Lagerhaft wie ein Sommerurlaub am Meer aussehen ließen, wurde Maksim Gorki bemüht, sich ein Bild von den Lagerbedingungen auf den Solovev-Inseln, dem ersten Gulag Russlands, zu machen. Anekdoten berichten, dass er eine von weißen Leinen nur so strahlende medizinische Station betrat und zähneknirschend von sich gab, dass er Inszenierungen nicht möge. Als er dann den Kerker des Lagers auf der Sekirnaja Gora zu Gesicht bekam und die dort Inhaftierten mit Zeitungen in den Händen antraf, von denen einer, sei es aus Unwissen oder als Protest, seine Zeitung falsch rum hielt, soll er die Besichtigung abgebrochen haben. Er schrieb trotzdem jenen von ihm verlangten wohlwollenden Bericht, vermutlich eher aus Loyalität als aus Überzeugung.
Was dokumentieren diese überlieferten Anekdoten? Sie erzählen von den Versuchen einfacher Menschen, die unerfüllbaren Wünsche ihrer Vorgesetzten zu ermöglichen, indem sie sich in ihrer Tätigkeit nicht auf Inhalt, sondern allein auf die Außenwahrnehmung konzentrieren. Man könnte jetzt diese kleinen Menschen in Schutz nehmen und es als gerechtfertigten Versuch der Selbstermächtigung ansehen, gegenüber ihren Vorgesetzten, aber auch gegenüber den westlichen Gesellschaften, die nie darin zimperlich waren, den Russen ihre zivilisatorische Überlegenheit aufs Brot zu streichen. Man könnte auch argumentieren, dass Lakirovka ein Phänomen ist, das auch in westlichen Gesellschaften geschieht, denn der Wirtschaftsboss macht nichts anderes, wenn er seine Zahlen vor den Aktionären auch den Steuerbehörden frisiert.
Und doch lassen sich kategorische Unterschiede festmachen. Denn der Wirtschaftsboss frisiert seine Zahlen um sich zu bereichern, im Russland der Stalin-Ära dagegen frisiert der einfache Mensch, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Lakirovka ist hier nicht Eigennutz, sondern Notwehr. Doch diese Notwehr hat ihren Preis, denn sie sabotiert noch viel stärker als westliche Praktiken der Schönfärberei gesellschaftlichen Wandel und wirtschaftlichen Aufstieg. Wird in marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften der Schein verbessert, um das Sein zu beeinflussen, zum Beispiel monetären Nutzen zu bringen (man denke an die stetigen Bemühungen der Werbebranche), so hat sich der gesellschaftliche Diskurs spätestens seit der stalinistischen Zeit von der Wirklichkeit entfernt. Jeder unerfüllte Fünfjahresplan führte nicht zu nötigen Reformen, sondern zu immer weiter ausschweifenden Inszenierungspraktiken, die den Menschen zunehmend in jene Scheinwelt der eigenen Überlegenheitsnarrative führte, die jedwede Bodenhaftung verloren haben.
Je stärker sich die Lakirovka verselbständigte, desto schwieriger wurde jener selbstkritische Blick, ohne den Reformen unmöglich werden. Am Ende werden nicht nur Vorgesetzte belogen, sondern ganze Gesellschaften verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Hat das ganze auch etwas Positives? Wie man es nimmt, oder zur aktuellen russischen Politik steht. Als Putin 2022 seinen groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine befahl, wunderte er sich über das Fehlen von modernen Panzern, Flugzeugen und Aufklärungsfahrzeugen, die längst bezahlt waren und eigentlich in russischen Kasernen bereitstehen sollten. Grund für das Fehlen dieser Gerätschaften war neben dem Bakschisch, zu dem ich an anderer Stelle berichten möchte, vor allem eins: die Eigendynamik der Lakirovka.


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