Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem ich diesen Blog erstellt habe. Damals war ich als freier Journalist während der Olympischen Winterspiele für den BR in Sotschi/Sochi tätig. Daher auch der ehemalige Blog-Name sotschi.org. Ich wollte von dem berichten, was neben den sportlichen Festlichkeiten in Russland geschah und stieß, wie ich heute feststelle, auf unterschiedliche Seiten des Landes. Auf der einen Seite Überforderung der Organisatoren, Repressionen gegenüber der Bevölkerung und weitreichende Überwachungsmaßnahmen, die die Sicherheit des Festes gewährleisten sollten. Gleichzeitig zeigte sich Russland bei diesem internationalen Fest auch noch von einer anderen Seite: Da war diese Neugier gegenüber den Menschen, die aus der ganzen Welt anreisten, um in dem alten Kurort an der Schwarzmeerküste ihr sportliches Talent zu beweisen. Da war der Stolz, mit dem sie der Welt des Wintersports beweisen wollten, dass in Russland Wintersport und Strandidyll sich nicht ausschließen. Da war auch eine Herzlichkeit, mit der Russen und Tscherkessen Menschen aus aller Welt gegenübertraten, ohne dass es hier einer Direktive von oben bedurfte.
Aus heutiger Perspektive erscheinen die Winterspiele von Sotschi wie der letzte Moment, in dem Russland sich dem Westen noch als kooperationsbereiter Partner präsentieren wollte. Wenige Tage später begann mit der Annexion der Krim eine neue politische Epoche. Aber hier soll es nicht um Politik gehen, sondern um Beobachtungen von kulturellen Entwicklungen in Osteuropa nach diesem epochalen Ereignis. Denn das Ende der Olympischen Spiele und der Anfang des offenen Konflikts zwischen der Ukraine und Russland veränderte nicht nur die Gesellschaften der beteiligten Länder, sondern den Diskurs im gesamten mittel- und osteuropäischen Raum. Um diese Veränderungen soll es in diesem Blog gehen. Er möchte kulturelle Entwicklungen hinter den Schlagzeilen aufspüren und auf historische Kontinuitäten wie Brüche hinweisen.
Dabei spielt mein persönlicher Bezug als Slavist zu Russland, aber auch Polen eine zentrale Rolle. In meine Beobachtungen fließt aber nicht nur mein Wissen über Literatur und Kultur in Osteuropa ein, sondern auch persönliche Erfahrungen als Zeitzeuge, der Polen seit seiner Kindheit besuchte und Russland vor und nach der Krimannexion erlebte. Sei es als deutscher Verwandter bei Hochzeiten und Familienfesten in Polen oder als Teilnehmer internationaler Sommerkurse in Moskau und Warschau, sei es als Forschungsreisender in Archiven polnischer Großstädte, oder als Austauschstudent in Sankt Petersburg, als Praktikant bei der Deutschen Welle in Moskau oder auf Reisen einmal quer durch Russland mit der transsibirischen Eisenbahn. Ich habe Russland vom entfernten Wladiwostok bis in das weit im Norden gelegene Murmansk bereist und erlebte Polen von seiner touristischen, akademischen, großstädtischen und ländlichen Seite. All diese persönlichen Erfahrungen wie Begegnungen werden in diesen Blog genauso einfließen wie Erkenntnisse aus dem Studium und Ergebnisse meiner Forschung. Wie bereits zur Zeit seiner Entstehung soll der Blog mein persönliches Bild, vor allem von Polen und Russland wiedergeben und dabei unerfahrenen Leser*innen beide Kulturen näher bringen, ohne sie zu verklären. Bei all den Veränderungen bleibt nur eins: der ursprüngliche Name Sotschi, der auf diesen Schlüsselmoment in der europäischen Geschichte verweist. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre von osteuropaverstehen.de und hoffentlich die ein oder andere neue Erkenntnis!
F.T.