Warum dieser Blog?

Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem ich diesen Blog erstellt habe. Damals war ich als freier Journalist während der Olympischen Winterspiele für den BR in Sotschi/Sochi tätig. Daher auch der ehemalige Blog-Name sotschi.org. Ich wollte von dem berichten, was neben den sportlichen Festlichkeiten in Russland geschah, und stieß, wie ich heute feststelle, auf unterschiedliche Seiten des Landes. Auf der einen Seite Überforderung der Organisatoren, Repressionen gegenüber der Bevölkerung und weitreichende Überwachungsmaßnahmen, die die Sicherheit des Festes gewährleisten sollten. Gleichzeitig zeigte sich Russland bei diesem internationalen Fest auch noch von einer anderen Seite: Da war diese Neugier gegenüber den Menschen, die aus der ganzen Welt anreisten, um in dem alten Kurort an der Schwarzmeerküste ihr sportliches Talent zu beweisen. Da war der Stolz, mit dem sie der Welt des Wintersports beweisen wollten, dass in Russland Wintersport und Strandidyll sich nicht ausschließen. Da war auch eine Herzlichkeit, mit der Russen und Tscherkessen Menschen aus aller Welt gegenübertraten, ohne dass es hier einer Direktive von oben bedurfte.

Aus heutiger Perspektive erscheinen die Winterspiele von Sotschi wie einer der letzten Momente, in denen Russland noch den Anschein erweckte, ein kooperationsbereiter Partner des Westens zu sein. Wenige Tage später begann mit der Annexion der Krim eine neue politische Epoche. Doch dieser Blog soll nicht in erster Linie die politischen Ereignisse kommentieren, sondern den kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen nachspüren, die sich hinter den Schlagzeilen nach diesem epochalen Ereignis abzeichnen. Auch in Polen kam es infolge des Überfalls Russlands zu fundamentalen Veränderungen im politischen Klima und der kulturellen Wahrnehmung des großen Nachbarn im Osten. Alte Ängste und historische Erfahrungen prägten erneut die Debatten und begünstigten höchstwahrscheinlich auch den Wahlsieg der PiS im darauffolgenden Wahljahr 2015. Das Ende der Olympischen Spiele und der Anfang des offenen Konflikts zwischen der Ukraine und Russland veränderten nicht nur die Gesellschaften der beteiligten Länder, sondern den Diskurs im gesamten mittel- und osteuropäischen Raum. Um diese Veränderungen soll es in diesem Blog gehen. Er möchte kulturelle Entwicklungen hinter den Schlagzeilen aufspüren und auf historische Kontinuitäten wie Brüche hinweisen.

Dabei spielt mein persönlicher Bezug als Slavist zu Russland, aber auch zu Polen eine zentrale Rolle. In meine Beobachtungen fließt nicht nur mein Wissen über Literatur und Kultur in Osteuropa ein, sondern auch persönliche Erfahrung. Polen besuche ich seit meiner Kindheit, zunächst als deutscher Verwandter bei Hochzeiten und Familienfesten, später auch als Student und Wissenschaftler. Russland habe ich vor und nach der Annexion der Krim erlebt: als Teilnehmer internationaler Sommersprachkurse in Moskau, als Austauschstudent in Sankt Petersburg, als Praktikant bei der Deutschen Welle in Moskau und auf Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ich habe Russland vom entfernten Wladiwostok bis in das weit im Norden gelegene Murmansk bereist und Polen von seiner touristischen, akademischen, großstädtischen und ländlichen Seite erlebt. All diese persönlichen Erfahrungen und Begegnungen werden in diesen Blog genauso einfließen wie Erkenntnisse aus dem Studium und Ergebnisse meiner Forschung. Wie bereits zur Zeit seiner Entstehung soll der Blog mein persönliches Bild, vor allem von Polen und Russland, wiedergeben und dabei Leser*innen ohne Vorkenntnisse beide Kulturen näherbringen, ohne sie zu verklären. Bei all den Veränderungen bleibt eins: der Ausgangspunkt Sotschi, der auf diesen Schlüsselmoment in der europäischen Geschichte verweist. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre von osteuropaverstehen.de und hoffentlich die ein oder andere neue Erkenntnis!

F.T.

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