
Zum Jahrestag des Sieges der Roten Armee gegen das faschistische Deutschland häuften sich in diesem Jahr in der Tagespresse Gerüchte über Putins Furcht vor einem Mordanschlag. Zwar liegen keine Zahlen vor, wie viele Mordanschläge auf Putin bereits vereitelt wurden und ob seine Sorge berechtigt ist. Fakt ist jedoch, dass Putin nicht der erste russische Herrscher ist, der in Angst vor einem Attentat lebt. Tatsächlich tappt er als Herrscher der russischen Föderation in eine Falle, in die vor ihm schon einige geraten sind. Die russische Geschichte (und nicht nur sie) ist gespickt mit verübten und misslungenen Attentaten, von Tyrannen, die ihren Thronfolger umbrachten und gesellschaftlichen Gruppen, die sich entweder einen Umschwung erhofften oder selbst an die Macht wollten. Paradoxerweise traf es nicht nur diejenigen, die mit harter Hand regierten, sondern auch Reformer wie Alexander II. Dass es sich dabei nicht um ein genuin russisches Phänomen handelt, beweist Shakespeare. Als Zeitzeuge einer grausamen Zeit erzählt er in seinen Stücken von Grausamkeiten: von Herrschern, die sich an die Macht morden, nur um selbst als Herrscher ermordet zu werden, wie Macbeth oder Claudius, und Herrschern, die aus zwar hehren, aber fehlgeleiteten Motiven ermordet werden (Julius Caesar).
Blicken wir auf das Leben des ersten russischen Zaren Iwan IV., genannt der Schreckliche (Grozny), was aber eher mit furchteinflößend übersetzt werden sollte, so liest sich dessen Lebenslauf wie einem Shakespeare-Stück entnommen: Die späte, vom 51-jährigen Vater lang ersehnte Geburt des Nachkömmlings. Der frühe Tod beider Elternteile (die Mutter wurde vermutlich vergiftet). Dann ein Machtkampf über den Kopf des jungen Zarewitsch hinweg, bei dem zahlreiche Persönlichkeiten des russischen Adels getötet wurden. Später dann ein Leben in immerwährender Angst, aus der sich der junge Herrscher nur befreien konnte, indem er selbst brutal vorging und mögliche Antagonisten aus dem Weg räumte, bevor sie überhaupt erst den Gedanken gefasst haben konnten, den Tyrannenmord zu begehen. Selbst vor der eigenen Familie machte sein Misstrauen nicht halt: 1581 verletzte er im Streit seinen Sohn und Thronfolger Iwan Iwanowitsch so schwer, dass dieser wenige Tage später starb. Ob im Affekt oder mit Absicht, ist bis heute umstritten. Ilja Repin hat die Szene drei Jahrhunderte später in seinem berühmten Gemälde festgehalten.
Iwans Schreckensherrschaft kann als stetiger Versuch gelesen werden, das Unvermeidliche aufzuschieben: Der Tod durch einen seiner Nächsten, sei es durch Berater, Familienmitglieder oder Gegner im Schachspiel. Eine mit Furcht, Mord und Totschlag erkaufte Freiheit, die bereits Shakespeare in Macbeth als Teufelskreis beschreibt: Mit jedem Mord wächst die Distanz zwischen Herrscher und Beherrschten, der Herrscher ist zunehmend isoliert, was seine paranoide Furcht nur steigert und ihn selbst bei den getreuesten Verbündeten Verrat vermuten lässt. Ja, man könnte Iwan den Furchteinflößenden als tragische Persönlichkeit der russischen Geschichte bezeichnen, wenn er nicht so viel Schuld auf sich geladen hätte und für den Tod Tausender verantwortlich wäre. (Man sagt, er habe seine Feinde am liebsten von verwilderten, hungrigen Raubtieren zerfleischen lassen.) Am Ende des Lebens dieser bedeutenden Herrscherpersönlichkeit der russischen Geschichte stehen unklare Todesumstände. Angeblich brach er 1584 bei einer Partie Schach zusammen. Starb er an einem Schlaganfall, oder deutet der hohe Quecksilbergehalt, den Forschende bei der Öffnung seines Grabes in den 1960er Jahren in seinen Gebeinen fanden, auf eine Vergiftung hin? Eindeutig ist auch das nicht, denn Quecksilber war zu der Zeit in gängigen Heilmitteln enthalten.
Kommen wir zu einem anderen berühmt-berüchtigten Herrscher der russischen Geschichte, der ähnlich paranoide Wahnvorstellungen entwickelte wie Iwan. Der, von dem hier die Rede ist, lebte fast 400 Jahre später und spielte genauso leidenschaftlich Billard wie Iwan gerne Schach spielte. Gemeint ist natürlich Stalin. In Sotschi steht eine der zahlreichen Villen, die der Parteiführer in seinem Land errichten ließ, nachdem keiner sich mehr traute, solche Herrscherinsignien bei dem Vorsitzenden einer kommunistischen Partei zu kritisieren. Zwei Dinge sind mir bei meinem Besuch dieses Winterdomizils in Erinnerung geblieben: Das einem Sarg gleichende und erstaunlich kleine schusssichere Bett (Stalin war 1,72 m groß und man munkelt, er war damit 6 cm kleiner als Iwan der Schreckliche, aber weh dem, der es ausspricht) und der riesige Billardtisch (die russische Variante des Billards, genannt Pyramide). Das schusssichere Bett hatte daumendicke Stahlwände, die verhindern sollten, dass der Parteiführer im Schlaf erschossen wird. Es steht für die manische Angst des großen Woschd (Anführer), einem Tyrannenmord zum Opfer zu fallen. Dass genau diese Angst zu Stalins Tod geführt haben könnte, dokumentiert eine andere Anekdote: Als der große Führer am Tag seines Todes nicht wie gewöhnlich zu einer bestimmten Zeit aufstand, traute sich keiner der Diener in der Datscha bei Kunzewo (ein anderes herrschaftliches Domizil des Tyrannen), nach dem Rechten zu sehen. Wenn es stimmt, dass Stalin an einem Schlaganfall starb, so hätte ein frühes Eingreifen der Diener womöglich den Tod verhindern können. Aber das direkte Umfeld Stalins lebte tagtäglich in der Angst, die Gunst des Herrschers zu verlieren und damit, im schlimmsten Fall auch das Leben. Davon erzählt auch die andere Anekdote mit dem Billardspiel.
Unsere Exkursionsleiterin in Sotschi erzählte uns, dass Stalins Generäle und Parteifunktionäre es mieden, mit dem großen Woschd eine Partie zu wagen. Zu wütend soll Stalin reagiert haben, wenn eine Partie nicht zu seinen Gunsten ausging, zu gefährlich war es, wenn der Generalsekretär, aus welchen Gründen auch immer, jemanden als Antagonisten wahrnahm. Also spielte man entweder so, dass der große Woschd die Partie gewann, und machte gute Miene zum bösen Spiel, oder versuchte, sich einer solchen brenzligen Situation gänzlich zu entziehen. Dass solche fingierten Spiele aber keinen Spaß machen, war auch dem Führer der Arbeiterpartei bewusst. Mit Macbeth und Iwan dem Schrecklichen teilt er, dass es furchtbar einsam auf dem Thron werden kann, wenn man alle Weggefährten aus dem Weg geräumt hat.
Was machte Stalin? Er spielte fortan nur noch mit dem Hausmeister seiner Datscha, der entweder so schlecht, aber aufrichtig im Spiel war, dass Stalin Freude am Gewinnen hatte, oder, wenn er denn doch einmal gewann, ihm aufgrund seiner Position nicht das Gefühl gab, gefährlich werden zu können.
Das schusssichere Bett und Stalins Billardspiel mit dem Hausmeister zeugen von einem traurigen Leben des großen Herrschers der Sowjetunion. Wie Iwan der Furchteinflößende lebte er in Einsamkeit und ständiger Angst, dass sein brutales Vorgehen im Machtkampf irgendwann auf ihn zurückfällt. Und musste er sich in seinem engen Sarkophag nachts nicht genauso eingeengt fühlen wie Macbeth, dem der Wald von Birnam bedrohlich nahekommt?
Eine durch Bluttaten und Unrecht erkaufte Macht rächt sich irgendwann. Das ist das Omen der Hexen in Macbeth und kann auch als Kernaussage von Shakespeares Stück verstanden werden. Der darauf folgende Versuch, das Unausweichliche zu verhindern, sei es durch immer brutaleres Vorgehen gegen mögliche Antagonisten, durch perfidere Mordmethoden oder kugelsichere Stahlbetten, dient nur dem Zeitaufschub. Es ist das Aufbäumen gegen die Weltordnung, wie es bereits die antike Tragödie eines Königs Ödipus oder eines Kreon in der Antigone in Szene setzt.
Und Putin? Spätestens seit den Bildern von den überlangen Tischen, an denen Staatsgäste in sicherem Abstand Platz nehmen mussten, setzt sich das Bild eines sich zunehmend abschottenden Kreml-Herrschers durch. Ob er sich dabei ähnlich fühlt wie Stalin in seinem Stahlbett oder Macbeth in seiner Burg mit dem sich nähernden Wald von Birnam, wissen wir nicht. Den Teufelskreis aber, in dem jeder beseitigte Gegner die Furcht vor dem nächsten nur vergrößert, dürfte er aus der Geschichte seines Landes gut kennen.



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